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Chapter 1: Whiskey in the jar

Ich saß schon seit einiger Zeit auf meinem Stammplatz in Pedros Bar. Vor mir das gewohnte Glas Scotch, kalt, aber ohne Eis. Wie immer eben. Mein Platz ist die dunkle Nische gegenüber dem Tresen, vom Eingang kaum zu sehen und auch sonst schlecht zu überschauen. Ich will meine Ruhe, wenn ich dort sitze und ins Glas blicke. Meist recht lange und tief. Das Letzte, was ich mir an solchen Abenden wünsche, sind Kneipengespräche über schlechte Politik, die schlimme Wirtschaftslage oder das beschissene Wetter. Das wird nur noch übertroffen von betrunkenen ausländischen Touristen, die mir zu später Stunde dann Fotos von ihrer hässlichen Alten und den drei missratenen Gören aufdrängen wollen.
Ich gehe jeden Abend zu Pedro. Kurz nach Sonnenuntergang verlasse ich meine Wohnung und laufe die drei Straßenzüge hinunter. Ich gehe stets erst nach Sonnenuntergang. Durch den kleinen Zwischenfall, wie ich es jetzt immer nenne, kann ich mich tagsüber nicht mehr draußen sehen lassen. Und ich trinke eine Menge Whiskey, um den nagenden Hunger zu betäuben. Und um die Erinnerung zu töten.

*

Schuld waren die drei Schnecken, die uns eines Abends ansprachen, als ich mit meinen Kumpels in einem Straßencafé abhing. Ob wir drei nicht Lust auf eine coole Party hätten, sie hätten keine Begleitung und so weiter. Hätte uns schon komisch vorkommen müssen, passiert schließlich nur im Fernsehen, aber was willst du machen, wenn dir das Hirn plötzlich in die Hose rutscht. Schließlich sahen die Drei ziemlich scharf aus. Also gingen wir mit. Der Schuppen, in den sie uns führten, war in einer ziemlich heruntergekommenen Gegend, durch drei Hinterhöfe und dann in einem Keller. Die Türsteher, zwei bleiche, schmale, aber nichtsdestotrotz finster und grimmig blickende Kerle musterten uns misstrauisch. Aber sie schienen die Mädchen zu kennen, also ließen sie uns ohne Probleme rein. Nach einem kurzen Weg eine Treppe hinunter und durch einen Korridor kamen wir an eine stabil aussehende Metalltür. Eines der Girls klopfte heftig an und die Tür wurde von innen entriegelt und aufgestoßen.
Wir betraten die Hölle. Brüllender Industrialsound ließ meine Magenwände erzittern und meine Gedärme auf und ab springen. Stroboskobgewitter erhellten die Szenerie nur mangelhaft. Ich sah tanzende Gestalten zucken wie in einem alten Stummfilm. Die Größe und Art des Raumes war bei diesem Licht nicht zu überschauen. Es musste eine passable Anzahl Gäste in dem Raum oder Saal sein, denn ich sah in den zuckenden Lichtreflexen immer nur eine tanzende Masse. Meine beiden Kumpels hatten sich bereits mit je einem von den Mädchen auf die Tanzfläche oder sonstwohin verzogen. Die Dritte stand noch neben mir und sah mich abschätzend an. Ich versuchte, ihr durch den Lärm die Frage zu übermitteln, ob wir was trinken wollten. Sie lächelte und schüttelte den Kopf. Ihre Lippen näherten sich meinem Ohr und sie flüsterte: "Komm erst mal tanzen, nachher gibt es für alle was zu trinken." Erstaunlicherweise konnte ich sie gut verstehen. Also nickte ich mit dem Kopf und wir drängelten uns zur Tanzfläche durch. Dort war etwas mehr Platz als ich erwartet hatte. Sie begann sofort zu tanzen und ich versuchte ebenfalls das Beste was ich zu solcher Musik aufbieten konnte. Einer meiner Kumpel stieß mich an und ich sah, wie sein grinsender Mund die Worte "Geile Party" formte. Dann verschwand er wieder in der wogenden Masse.
Der Rhythmus wurde langsamer und ging in eine Ballade über. Das Mädchen schlang mir ihre Arme um den Hals und fing an, sich zur Musik in den Hüften zu wiegen. Ich legte meine Hände um ihre schmale Taille und langsam kamen wir uns näher. Schließlich legte sie den Kopf an meine Schulter. Ich sah, dass die tanzenden Pärchen um uns herum mit ähnlichen Dingen beschäftigt waren.
Plötzlich spürte ich einen kurzen Stich am Hals und dann ein Ziehen und Saugen. Bloß kein Knutschfleck, dachte ich jetzt, sowas kann ich morgen im Büro überhaupt nicht gebrauchen. Sanft versuchte ich sie wegzuschieben, doch sie klammerte sich an mich. Ich wurde ungehalten, verstärkte meine Bemühungen. Ihre Umarmung wurde stärker. Meine Geduld war jetzt am Ende. Mit einem kräftigen Ruck löste ich ihre Arme von meinem Hals und stieß sie einen Schritt weg. Sie blickte mit wutverzerrtem Gesicht zu mir. Ihr Kinn und Hals waren von Blut überströmt, meinem Blut. Ich sah mich erschrocken um. Einer meiner Freunde hing schlaff in den Armen einer Blondine. Ich erwachte aus der kurzen Erstarrung, stieß das sich nähernde Mädchen mit roher Gewalt zurück und wandte mich zur Tür. Die meisten Pärchen waren in ihren Umarmungen versunken, jeder auf seine Weise, und so kam ich unbehelligt zur Tür. Der Türsteher war verschwunden und so begann ich die Verriegelungen zu lösen. Ein gellender Schrei ertönte und mehrere der Gestalten sahen mich mit ihren blutverschmierten Gesichtern an. Ich konnte endlich die Tür öffnen, schlüpfte hindurch und rannte mit aller Kraft die Treppe hinauf und durch den Korridor. Ehe mich die Wachposten am Eingang bemerkten, stieß ich sie beiseite und hastete durch die Hinterhöfe und Gassen. Ich weiß nicht einmal, ob sie mich wirklich verfolgten, aber in Panik rannte ich durch die Nacht. erst am frühen Morgen wurde ich ruhiger und machte mich auf den Weg zu meiner Wohnung.

Dann begann ich nach und nach die Wirkungen dieser Nacht zu spüren. Erst harmlos und lästig, später immer schlimmer. Ich vertrug kein Sonnenlicht mehr. Anfangs schmerzten nur die Augen und ich konnte mich eine Zeitlang mit einer dunklen Sonnenbrille behelfen, aber dann kamen die abscheulichen Sonnenbrände hinzu. Schließlich verließ ich meine Wohnung nur noch an trüben Tagen, aber bald war auch das nicht mehr möglich. Meine Arbeit hatte ich längst verloren.

Zuletzt kam dieser grässliche, drängende, fordernde, schneidende Hunger.

Zu dieser Zeit begann ich, jeden Abend zu Pedro zu gehen und mich mit Unmengen Whiskey voll laufen zu lassen. Damit konnte ich den Hunger niederhalten. Und ich schmiedete immer neue, blutige Rachepläne, für meine beiden Freunde und mein zerstörtes Leben. Ich wurde ein häufiger Gast in der Nachtbibliothek, wo ich versuchte etwas Wissen über das Wesen jener Gestalten zu sammeln. Die Mitarbeiter sahen es zwar gar nicht gern, dass ich regelmäßig eine Flasche beim Lesen leerte, aber sie ließen mich wenigstens unbehelligt. Die Literatur über die Wesen ist spärlich und beschränkt sich hauptsächlich auf irgendwelche Kindermärchen und Lagerfeuergeschichten. Aber aus ein, zwei uralten Folianten konnte ich doch einige Hinweise über sie entnehmen, die ich für richtig hielt. Besonders über das Töten dieser Wesen. Ich trage seit dieser Zeit immer einen Rucksack mit dem wichtigsten Werkzeug mit mir herum.

*

"Ist der Platz dort noch frei?"
Langsam blickte ich von meinem Glas auf und sah ihr ins Gesicht.
Ich erkannte sie sofort wieder.
Ich nickte und wies auf den Platz mir gegenüber.
"Was trinken? fragte ich sie. Sie schien mich nicht wieder zuerkennen. Ich hatte in irgendeiner alten Schwarte gelesen, dass bei den jungen von ihnen das Gedächtnis nicht sonderlich ausgeprägt sei. Das käme erst mit dem Alter und dem Blut.
Auf Ihre Zustimmung winkte ich Pedro zu mir, bestellte einen weiteren Scotch für mich: "... und einen Bloody Mary für die Lady."
Pedro nickte und schlenderte zurück zur Bar.
Das Mädchen sah mich irritiert an und ich dachte schon, ich wäre zu weit gegangen. Aber Pedro brachte die Getränke und wir begannen belanglos miteinander zu plaudern. Endlich sprach sie die Frage aus, auf die ich schon mit wachsender Ungeduld gewartet hatte.
"Hast du nicht Lust auf eine coole Party?"
Und ob ich Lust hatte. Ich antwortete: "Warum nicht, lass uns gehen."
Sie stand auf. Ich stürzte meinen Rest Scotch hinunter und griff unter den Tisch nach meinem Rucksack. Der Inhalt klapperte leise, als ich ihn hervorzog. Sie sah mich komisch an, sagte aber nichts dazu, als ich ihn mir über eine Schulter warf.
"Gehen wir, ich bin ganz heiß auf die Party!"

Frank Black
26.12.07 10:54


Darklands

EXORIARE ALIQUIS NOSTRIS EX OSSIBUS ULTOR!
Möge einst aus meinen Gebeinen ein Rächer entstehen



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Gesucht werden weiterhin Geschichten und Lyrik
jenseits des Happy Ends.
26.12.07 01:01


Der Biss

Es war ein berauschendes Gefühl, das mich überkam; ein Gefühl, als hätte ich Weltreiche erobert und als lägen Könige mir zu Füssen. Es war, als schwebte ich am schwarzen Nachthimmel, erhaben über all das unter mir... Die fremde Haut fühlte sich seidig und vertraut an, wie samtenes Gewand berührte sie die meine. In regelmäßigen Zügen atmend, jedoch schlafend, lag das begehrte Wesen vor mir.
Längst war jede störende Hülle gefallen und das durchs Fenster einfallende Licht des fahlen, vollen Mondes tauchte die weiße Haut in ein mystisches Gewand.
Immer größer wurde die Gier nach dem warmen Fleisch. Zitternd fuhren meine Hände über den wie zum Opfer bereit vor mir liegenden Körper und erneut packte mich die Gier; das fatale, unbändige Verlangen nach diesem göttlichen Geschöpf...göttlich, doch war es kein Kainskind, wie ich eines war...Sanft strichen meine Finger durch das weiche, glänzende Haar, über die bleichen Lippen. Unwiderstehlich waren diese Berührungen...Still küsste ich jenes wunderbare Wesen, wehrlos ertrug es meine kalten Lippen.
Ich wurde durchflutet von einem noch göttlicherem Gefühl, das Verlangen wuchs von Sekunde zu Sekunde. Ich bedeckte den geliebten Körper mit kalten Küssen, schmeckte die verlockend weiße Haut. Nein, es gab keinen Weg mehr zurück...Meine Ekstase gipfelte in einem leidenschaftlichen Biss. Das aus dem wunderschönen, schneeweißen Hals hervorquellende Blut war roten Tränen gleich...edler, als jeder Wein. Süßer, als jeder Honig. Reiner, als der Morgentau. Frischer, als jedes Quellwasser. Und es war warm...so warm, wie das Leben...
Ich ließ dieses kostbare Getränk über meine Lippen rinnen, ich trank - nein, ich saugte jeden Tropfen aus dem Wesen, das ich einst zu lieben glaubte. Jetzt war da nur noch die Gier, das Verlangen nach mehr, immer mehr...Doch plötzlich ließ der Rausch nach. Reue überfiel mich. Was hatte ich getan?
Ich hatte nie die Absicht gehabt, dieses Geschöpf zu töten. Doch es atmete nicht mehr...Ich hatte ihm das letzte geraubt, das es noch besaß, - das Leben, das ich schon vor langer Zeit für immer verloren hatte. Vom unsinnigen Glauben besessen, es einmal wieder zu erlangen, hatte ich getötet, schon wieder getötet...hatte ich doch einst geschworen, meinen schmerzlichen Verlust an niemandem zu rächen, keine unschuldigen Kreaturen mehr zu töten...
Doch konnte ich das geschehene, vollendete Werk nicht mehr rückgängig machen und so verließ ich schweigend den Raum. Mit meinem geliebten Geschöpf war auch ein Teil von mir gestorben. Ich hasste mich dafür, dieses Wesen der Welt der Lebenden entrissen zu haben. Es war noch so jung...so jung, wie ich war, als man mir das Leben stahl. Ich kannte diesen schrecklichen Schmerz, trug ich ihn doch schon Ewigkeiten in mir. Gefangen zwischen Leben und Tod, unfähig zu leben, unfähig, zu sterben. Erfüllt nach der Sehnsucht nach einem von beiden...ob Leben oder Tod ? Ich weiß es nicht. Mein einziger Trost war, dass jenes zauberhafte Wesen einen stillen, sanften Tod gefunden hatte und nicht für immer den Schmerz spüren musste, der in mir wohnte.
Mit dem wortlosen, unbesiegelten Schwur, niemals mehr zu töten, schritt ich in die Nacht hinaus. Doch schon als ich den Mantel zum Fluge hob, wurde es mir zur quälenden Gewissheit, dass ich, von meinem Fluch gezwungen, dieses grausame Schauspiel auch in der nächsten Nacht wieder erleben würde. Und wie jede Nacht würde der letzte Vorhang erst fallen, wenn ein unschuldiges Wesen den Tod gefunden hatte...

Trash Angel
26.12.07 00:49


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